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«Ja, und der Grund,
aus dem du das alles machst ...?» Ich zähle es noch einmal
mit Hilfe meiner Finger auf. «Also: Du meditierst, du betest, du
chantest, du machst Yoga, ernährst dich vegetarisch, triffst dich
mit verwirklichten Seelen zum Darshan und Satsang, spendest für Greenpeace,
Amnesty International und Free Tibet, studierst die grossen spirituellen
Klassiker, machst Selbstreinigungsübungen, lebst sexuell enthaltsam
und so weiter – aber kannst du mir den Grund für all das nennen?»
Sie starrt mich wortlos an, als wäre die Antwort viel zu offenkundig,
um ausgesprochen werden zu müssen. Aber sie muss ausgesprochen werden.
Ich bestehe darauf, hier und jetzt, damit wir sie anschliessend analysieren
und mit unseren eifrigen kleinen Denkerhirnen zerpflücken können.
«Na ja, du weisst schon», sagt sie, und es will ihr noch immer
nicht in den Kopf, dass sie etwas so Offenkundiges in Worte fassen soll.
«Spirituelles Wachstum und so. Ich möchte ... äh, na ja,
du weisst schon, ein besserer Mensch werden. Ich möchte inniger lieben
können und – hmm – eine Verbesserung meiner Schwingungs-
... äh, du weisst schon ....»
Es kommt mir auf jedes einzelne Wort an. «Deiner Schwingungs-was
...?»
«Na ja, äh ... frequenz. Meiner Schwingungsfrequenz. Weisst
du, ich möchte eine höhere Bewusstseinsbene erlangen und den
Kontakt zu meinem, hmm, du weisst schon ... zu meinem inneren Selbst,
zu meinem höheren Selbst intensivieren. Ich möchte mich der
göttlichen Energie öffnen, die alles – na ja – durchdringt
und so ...»
«Gut. Warum willst du das?»
«Sorry?»
«Ich fragte: Warum?»
«Was warum?»
«Warum du das alles willst, was du gerade aufgezählt hast.
Eine höhere Ebene und mehr Kontakt und dich öffnen und so weiter.»
«Na ja, du weisst schon ... spirituelle .... äh, Erleuchtung.»
Ahhh ...
«Okay, das ist es also? Du möchtest erleuchtet werden?»
Sie sieht mich an, als hätte ich ihr eine Fangfrage gestellt. Dem
ist aber nicht so. Es war einfach nur die erste Frage. Was tust du? Warum
tust du es? Was soll dabei herauskommen? Wenn du es weisst, wirst du es
schaffen. Wenn nicht – keine Chance. Das sind mehr als schöne
Worte. Es ist das Gesetz.
«Ja, ich denke schon.»
Ich lächle besänftigend. «Gut. Der Grund, dich mit diesem
ganzen Zeug zu befassen, lautet also: Du möchtest erleuchtet werden
– du strebst nach Erleuchtung. Kann man das so sagen?»
Kurze Pause. «Ja, äh ... ich denke schon.»
«Okay. Dann lass uns kurz darüber sprechen, lass uns versuchen,
es ein wenig genauer zu definieren. Was genau verstehst du unter Erleuchtung?»
Wieder dieser Dackelblick, diesmal vermischt mit einer Spur Ratlosigkeit.
Gerade war alles noch so selbstverständlich gewesen, dass es kaum
irgendwelcher Fragen bedurfte. Jetzt wird es ein wenig konfus.
«Äh ... gottgleich werden ... göttlichen Geist entwickeln
... Einssein, du weisst schon, ein Bewusstsein entwickeln für das
Einssein.»
So läuft das immer mit neuen Schülern. Sie ziehen ihre Schülernummer
ab, ich meine Lehrernummer. So ganz sicher bin ich mir nie, warum sie
kommen und wann sie wieder gehen werden. Die ganze Prozedur besteht zu
gleichen Teilen aus Befriedigung und Frustration. Ich rede, sie hören
zu. Sie fragen, ich antworte. Ich spreche, sie ... was weiss ich. Irgendwas
eben.
Wie meine Worte aufgenommen werden und was mit ihnen geschieht, nachdem
sie meinen Mund verlassen haben, liegt jenseits meiner Kontrollmöglichkeiten.
Ich spreche, das ist alles. Die Worte fliessen dahin wie eine Melodie
und machen mich ruhig. Das ist mein Part. Zu nicken hingegen und fortwährend
interessiert und empfänglich auszusehen – das ist ihr Part.
Ich bin total gefesselt von meiner Rede – von meinen Worten und
ihrer Macht, die ihnen zugrunde liegenden Inhalte klar und deutlich auszudrücken.
Die Vorstellung reizt mich, es würde in ihrem Kopf klick! machen
wie die Perlen an einem Abakus, aber ich weiss, dass dies nicht der Fall
ist, und kann gut damit leben. «Handle, aber denke nicht über
die Früchte deines Handelns nach», sagt Krishna zu Arjuna.
Ganz meine Meinung.
«Es ist ganz simpel», sage ich zu ihr. «Erleuchtung
bedeutet Erkenntnis der Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht nur simpel, sie
ist sogar das Allersimpelste, was es gibt. Etwas, das sich nicht weiter
reduzieren lässt.»
Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass wir so nicht weiterkommen.
Meine Schuld. Auf dem Tisch zwischen uns habe ich ein Exemplar der Gita
liegen. Ich schlage sie wahllos irgendwo auf, um eine Stelle zu finden,
die zu unserem Gesprächsthema passt.
Klappt immer. Tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, während ich ihr
die folgenden Worte Krishnas vorlese:
«Ich bin die Zeit, die mächtige Kraft, die alles zerstört,
und als solche bin ich gekommen, um alle Lebewesen in dieser Welt zu vernichten.
Keiner der feindlichen Kämpfer wird verschont bleiben, selbst wenn
du sie nicht besiegen solltest.»
Ich verstumme, während die verschiedenen Bedeutungsebenen nacheinander
mein Inneres durchfluten, und vor lauter Erkenntnis schwillt mir die Brust.
«Wunderbar», denke ich. «Wunderbar, wunderbar, wunderbar.»
Das Mädchen mir gegenüber nickt, sie deutet die Worte so, wie
ihr Verständnislevel es zulässt. Sie weiss, dass es sich um
Krishnas Worte handelt und dass sie an Arjuna gerichtet sind, den mächtigen
Krieger, der lieber die Waffen streckt, als zu einem Gefecht zu blasen,
in dem das Erdreich und seine Familie gewiss in Flammen aufgehen werden.
Sie weiss, dass Krishna Arjuna die Wahrheit über den Lauf der Welt
offenbart, und sie weiss auch, dass am Ende dieses Zwiegesprächs
– der Bhagavad-Gita – Arjuna die Augen geöffnet werden
und er die Schlacht entfesselt.
Aber das ist vermutlich alles, was sie an Wissen aufzubieten hat. Ich
bezweifle, dass sie sich mit Arjuna identifiziert, der zu Beginn der Gita
vor lauter Verwirrung wie gelähmt dasteht. Ich bezweifle auch, dass
sie Erleuchtung gleichsetzt mit der unmittelbaren Erfahrung der Wirklichkeit
in ihrem grenzenlosen Formenreichtum. Ich bezweifle, dass sie weiss, dass
auch in ihrem eigenen Leben ein Krieg bevorsteht und dass nur ein Atemzug
sie davon trennt, das Signal zu geben und damit jene Feuersbrunst zu entfachen,
die die ganze Welt verzehren wird. Ich sehe sie an, die junge Frau, und
weiss sofort, dass sie keine Ahnung hat, wohin dieser Weg wirklich führt.
Ich lächle.
«Einheitsbewusstsein ist ein Riesending», sage ich, und sie
wirkt erleichtert. «Mystische Vereinigung, Einssein mit dem Universum,
die unmittelbare Erfahrung der Unendlichkeit. Glückseligkeit, Ekstase
– ein Vorgeschmack auf den Himmel. Sich jenseits von Raum und Zeit
zu befinden, jenseits von allem, was in Worte zu fassen ist. Ein Frieden,
der alle Vernunft übersteigt.»
«Wow», lautet ihr passender Kommentar. Sie heisst Sarah. Sie
ist noch jung, Anfang zwanzig vielleicht, und soeben habe ich der Reihe
nach auf jeden einzelnen ihrer spirituellen Knöpfe gedrückt.
Wäre ich ein Guru, müsste ich das täglich acht Stunden
lang tun. Bei dem Gedanken schaudert mir.
«Ja», reitet sie darauf herum, «genau das ...»
«Ja gut, aber das hat nichts mit Erleuchtung zu tun.»
«Oh!»
«Erleuchtung heisst nicht, dass du irgendwo hingehst, sondern dass
dieses Irgendwo zu dir kommt. Es ist kein Ort, den man besucht und sich
dann wehmütig daran erinnert, wohin es einen zurückzieht. Es
ist kein Besuch, den du der Wahrheit abstattest, sondern das Erwachen
der Wahrheit in dir selbst. Kein flüchtiger Zustand von Bewusstheit,
sondern die bleibende Erkenntnis der Wahrheit – dauerhaftes, non-duales
Bewusstsein. Es ist kein Ort, den man von hier aus besucht, im Gegenteil:
Das Hier ist ein Ort, den man von dort aus besucht. Schau mich an: Ich
bin ein Erleuchteter, bin es hier und bin es jetzt. Ich habe mich aller
Illusionen entledigt, mich von meinem Ego befreit, und obwohl ich das
grosse Glück hatte, mystische Vereinigung bei ganz unterschiedlichen
Gelegenheiten erfahren zu dürfen, befinde ich mich im Augenblick
nicht in diesem Zustand und beabsichtige auch nicht, ihn ein weiteres
Mal zu erleben. Einen Zustand dauerhafter Glückseligkeit gibt es
nicht, Sarah, so etwas ist reine Verkaufspropaganda.»
«Puh», ist alles, was sie hervorbringt.
«Ich versuche hier nur eins, Sarah: dich zurück an den Start
zu schicken. Du hast – wie alle anderen auch – eine bestimmte
Richtung eingeschlagen, aber die Erleuchtung findest du dort nicht, sie
liegt auf einer anderen Strecke. Du musst jetzt erst einmal herausfinden,
was du wirklich willst. Willst du dein restliches Leben lang der Erfahrung
von mystischem Bewusstsein hinterherjagen? Oder willst du aufwachen und
dich der Wahrheit über dein Dasein stellen?»
Sie denkt einen Augenblick darüber nach und serviert mir dann eine
Antwort, die mich echt beeindruckt. «Wahrscheinlich ist es sinnvoller,
erst einmal die Wahrheit herauszufinden, sonst ist das Ganze ja zwecklos,
oder?», sagt sie. «Eins nach dem anderen, nicht wahr? Wenn
ich erst einmal die Wahrheit herausgefunden habe, kann ich mich ja immer
noch um das Einheitsbewusstsein bemühen, oder?»
«Wow!» Ich lache anerkennend. «Eine gute Antwort. Völlig
richtig, finde erst die Wahrheit heraus, danach kannst du alles tun, was
dir Spass macht.»
Gute Antworten hin und her, natürlich hat Sarah ihre Entscheidung
noch lange nicht gefällt, sie denkt nur, es wäre so. Selbsterkenntnis
anstelle von mystischer Vereinigung – das ist nichts, wofür
man sich entscheiden kann, so wie man sich für eine bestimmte Salatsosse
entscheidet. Im Grunde ist es überhaupt keine Wahl, die man trifft
– einmal Erleuchtung, bitte. Wenn schon, ist man eher eine Art Opfer,
so als würde man von einem Bus gestreift. Als Arjuna damals in der
Frühe aufstand, hat er auch nicht darauf gehofft, an diesem Tag Krishna
in seiner universalen Form erblicken zu dürfen. Nein, es war ein
verdammt harter Tag im Büro, der hinter ihm lag, als das Universum
ihn plötzlich anstrahlte.
Aber es ist Zeit, Sarah den Ball wieder zuzuspielen.
«Gut, du beschäftigst dich also mit all dem spirituellen Zeug,
weil du eine bestimmte Richtung einschlagen möchtest, stimmt’s?»
Sie nickt.
«Du strebst nach spiritueller Entwicklung oder möchtest näher
zu Gott gelangen oder den Himmel sehen oder erleuchtet werden, irgendwas
in der Art eben, ja?»
Sie nickt wieder, sieht jetzt ein wenig perplex aus.
«Kurz gesagt: Du bewegst dich, du schreitest voran – ja? Es
gibt einen Punkt, auf den du dich zubewegst, und einen anderen Punkt,
von dem du dich wegbewegst?»
Erneutes Nicken.
«Okay, aber das ist im Grunde genau das Gleiche, was andere Leute
auch tun, findest du nicht? Irgendwohin, von irgendwoher.»
Wieder ein umsichtiges Nicken, wachsam, als wolle ich sie reinlegen, was
ja auch stimmt.
«Ich möchte dich um etwas bitten, Sarah: Sag mir genau, von
welchem Punkt du dich wegbewegst und auf welchen Punkt du dich zubewegst.
Nimm dir ruhig Zeit dafür, es eilt nicht. Stell dir einfach vor,
du müsstest so etwas wie deine eigene Firmenphilosophie niederschreiben,
wobei du nur diese beiden Punkte berücksichtigst: Wo komme ich her,
und wo gehe ich hin? Okay?»
Mein Vorschlag scheint ihr wenig zu behagen.
«Na komm schon», beruhige ich sie, «keine Bange, come
on. Es geht doch nur darum, dass wir eine bestimmte Geschichte etwas näher
betrachten wollen, nämlich wohin du gehst und woher du kommst. Das
hier ist keine Prüfung in Astrophysik. Stell mir einfach in knappen
Worten deine Flugroute dar. Das kann doch nicht so schwer sein, oder?»
«Wahrscheinlich nicht.»
«Es geht hier nicht um ein Wettrennen, es geht einfach nur ums Leben.
Da gibt es keine Ziellinie, da gibt es keine Gewinner oder Verlierer.
Vergiss das nicht. Es ist alles in sich stimmig. Am besten, wir treffen
uns in den nächsten Tagen wieder, und du sagst mir dann, wie weit
du gekommen bist.»
Sarah gibt sich denselben falschen Vorstellungen hin wie alle anderen.
Sie glaubt, dass – im weitesten Sinne – irgendetwas verkehrt
läuft und dass sie es wieder in Ordnung bringen soll. Worum es sich
dabei handelt und was damit nicht stimmt und wie die Sache zu reparieren
ist – darüber hat jeder so seine eigenen Vorstellungen. Das
zugrunde liegende Muster ist stets das gleiche. Die Wahrheit aber lautet:
Im Grunde läuft nie etwas verkehrt. Es gibt nichts Verkehrtes, es
kann nichts Verkehrtes geben. Es ist nicht einmal verkehrt zu glauben,
dass irgendetwas verkehrt ist. Etwas, das verkehrt läuft –
das gibt es nicht. Wie sagt Alexander Pope? So viel ist klar, alles, was
ist, ist richtig so. Verkehrt ist etwas nur aus der Sicht des Beobachters,
sonst nie.
Der Eindruck jedoch, etwas liefe falsch, ist von entscheidender Bedeutung
für den Ablauf des menschlichen Dramas, genauso wie die Illusion,
von allem anderen getrennt zu sein, oder die Gewissheit, über einen
freien Willen zu verfügen. Ohne Konflikt kein Drama. Wenn nichts
falsch läuft, dann muss auch nichts in Ordnung gebracht werden. Das
aber hiesse, dass überhaupt nichts getan zu werden braucht. Dass
keine Höhen erklommen und keine Tiefen ergründet werden müssen.
Dass es völlig überflüssig ist, nach Macht und Wohlstand
zu streben. Dass die Menschheit nicht mehr für Nachwuchs zu sorgen
braucht. Dass es unnötig ist, Kunstwerke zu erschaffen und Wolkenkratzer
zu erbauen. Dass man keine Kriege mehr zu führen braucht. Sich keine
Religionen und Philosophien mehr auszudenken braucht. Ja, sich nicht einmal
mehr die Zähne putzen muss.
Sarah erkläre ich es so: «Der Glaube, irgendetwas stimme nicht,
ist das Feuer unterm Arsch der Menschheit.»
Na gut – wenn man etwas als falsch empfindet, beruht das natürlich
nicht nur auf Einbildung. Eine gewisse Vorstellung von Richtig und Falsch
ist in der menschlichen Maschinerie fest verankert. Hunger ist falsch,
Essen ist richtig; Keuschheit ist falsch, sich fortpflanzen ist richtig;
Leid ist falsch, Freude ist richtig, und so weiter. Doch das sind lauter
biologische Direktiven, verbindlich nur im Rahmen des physischen Organismus,
wo ein Verstoss dagegen eine stufenweise Verschlechterung der Lebensqualität
und womöglich sogar den Tod bedeuten könnte.
Wo aber gibt es ausserhalb des menschlichen Organismus etwas, das als
falsch gelten könnte? Die Antwort liegt auf der Hand: nirgends. Da
aber diese ganze Existenz-Kiste – um nicht uninteressant zu werden
– eines dramatischen Elementes bedarf, verlangt sie nach Konflikt,
und so muss «etwas Verkehrtes» eben auf künstliche Weise
erzeugt und der ganzen Mischung untergeschoben werden:
Ich rede von der Angst.
Die Angst, ein leeres Gehäuse zu sein. Die Angst vor dem schwarzen
Loch in dir. Die Angst vor dem Nicht-Sein.
Die Angst vor dem Nicht-Selbst.
Die Angst vor dem Nicht-Selbst ist die Mutter aller Ängste –
die, auf der alle anderen Ängste gründen. Keine Angst ist so
klein oder nichtig, dass sich nicht irgendwo in ihr die Angst vor dem
Nicht-Selbst verbirgt. Jede Angst ist letztendlich die Angst vor dem Nicht-Selbst.
«Und was ist Erleuchtung denn anderes als ein Kopfsprung in die
Untiefen des Nicht-Selbst?», frage ich Sarah.
Sie antwortet nicht.
Die Angst – egal, welches Gesicht sie hat – ist der Motor,
der uns alle antreibt, das Individuum im Speziellen und die Menschheit
im Allgemeinen. Einfacher gesagt: Der Mensch hat seine gesamte Existenz
auf Angst gegründet. Man mag versucht sein, zu behaupten, dass das
Rationale und das Emotionale, dass die linke und die rechte Gehirnhälfte
sich bei uns die Waage halten, aber das stimmt nicht. In erster Linie
sind wir emotionale Wesen, und die alles beherrschende Emotion in uns
ist die Angst.
«Witzig, oder?», frage ich Sarah, die von diesem Teil unseres
Gesprächs ein wenig benommen zu sein scheint.
Wenn ich Schüler darum bitte, mir exakt zu definieren, wovon sie
sich weg- und worauf sie sich zubewegen, dann nicht, weil ich das so genau
wissen müsste, oder gar, weil ich will, dass sie sich selbst darüber
im Klaren werden. Es geht mir wirklich nur um eins: dass sie ihre gegenwärtige
Route noch einmal überdenken. Denn falls das Schicksal oder die Vorsehung
sie zu mir geführt hat, um meinen Ausführungen zu lauschen,
dann steht ihnen fast immer ein radikaler Kurswechsel bevor, und der beginnt
damit, dass sie ihren gegenwärtigen Weg unter eine Überschrift
stellen.
Sarah serviere ich die abgespeckte Version meines Angst-und-richtig-und-falsch-Monologes
– teils ihr zuliebe, teils mir selbst zuliebe. Ich weiss nicht,
wie viel davon sie wirklich kapieren wird, aber auf jeden Fall kann es
ihr nicht schaden, sich das Ganze mal anzuhören. Was mich betrifft,
so muss ich etwas einfach ausformulieren, wenn ich es irgendwie begreifen
will. Auf diese Weise lerne ich, was ich sagen und wie ich es sagen muss.
Schliesslich habe ich zusammen mit meiner Erleuchtung kein Komplett-Paket
mit dem Titel erworben. Deshalb muss ich, wenn ich etwas begreifen möchte,
um es anderen beibringen zu können, es erst einmal für mich
selbst klären.
«Was meinst du? Soll ich mit Meditieren weitermachen?», fragt
sie mich, auf der leicht verzweifelten Suche nach etwas Vertrautem, an
dem sie sich festhalten kann.
«Auf jeden Fall», sage ich, und sie wirkt erleichtert. Was
ihre Erleuchtungspläne angeht, so spielt es keine grosse Rolle, ob
sie weiterhin meditiert oder nicht, ob sie Fleisch isst oder nicht, ob
sie wohltätige Einrichtungen unterstützt oder diese beklaut.
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